
ipad
Das iPad hat sich einen festen Platz in meinem Wohnzimmer erobert. Als Couchbrowser und Elektrobuch. Lesen auf dem iPad macht mir einen Heidenspass und auch als mobiler Musik-, Foto- und Videoplayer ist das Gerät relativ gut geeignet. Vor allem auch im Zusammenspiel mit einer AirportExpress. Es gibt bislang einfach kein besseres Tablet-Gerät.
Wenn, ja wenn es da nicht diese nervtötenden, rechtebeschneidenden und unglaublich dummen Details gäbe.
Nehmen wir zum Beispiel den Aspekt “Bücher lesen”.
Ein richtiges Buch kann ich sofort an der zuletzt gelesenen Seite aufschlagen oder einfach irgendwo aufschlagen wenn ich es in die Hand nehme. Ich kann den Klappentext lesen oder mir die Covergestaltung ansehen. Ein haptisches Erlebnis. Ich kann es verschenken und es ist hübsch anzuschauen so eingewickelt in Geschenkpapier. Es ist auch möglich einfach darin herumzublättern oder Kopien davon anzufertigen – und: ein richtiges Buch kann man auch lesen, wenn kein Strom zur Verfügung steht. Sogar von einem umgefallenen Glas Apfelschorle wird es allenfalls aufgeweicht und fleckig, “funktioniert” aber ansonsten immernoch tadellos. Selbst wenn ein Auto drüber gefahren ist kann man den Inhalt einzelner Seiten immer noch lesen.
Nun – wie ist das mit dem iPad? Wenn ich es unterwegs draussen lesen will, dann muss ich es schonmal nicht mit zwei Händen festhalten, weil der Wind mir die Seiten nicht umblättern kann wie bei einem richtigen Buch. Wenn es dunkel ist brauche ich keine Lichtquelle (z.b. eine Stirnlampe) um darin zu lesen, denn das iPad bringt die Beleuchtung bereits mit. Ich kann auch einfach mit einer Hand das iPad halten UND vor- und zurückblättern. Sogar eine Volltextsuche steht zur Verfügung. Auch der Bildschirm ist wie bei einem guten Buch im 4:3 Format gehalten. Ganz anders als bei der 16:9 Android “Konkurrenz”. Schüttet man hingegen Cola rein oder lässt ein Auto drüber fahren, dann wars das mit der Bibliothek.
Aber…ich kann mein im iTunes Store gekauftes (DRM geschütztes) epub-Buch nicht verschenken, weiterverkaufen oder einfach kopieren. Ich kann es auch nicht verleihen oder als Geschenk unter den Tannenbaum legen. Allenfalls ein ganzes iPad oder einen iTunes Gutschein, mit dem der Beschenkte dann kaufen kann wozu er lust hat, aber das ist nicht das Gleiche. Da könnte ich ihm ja gleich nen 10er in ‘nen Umschlag legen oder einen Amazon Gutschein ausdrucken.
Es werden, abgesehen von der Energie und den Rohstoffen für die Herstellung und den Betrieb des Pads und der Server keinerlei Rohstoffe für die Herstellung des eBuches verbraucht. Es müssen auch keine Löhne für Papierfabriksmitarbeiter, LKW-Fahrer, Setzer, Drucker, Lieferanten und Buchhändler bezahlt werden.
Trotzdem muss ich für ein eBook fast genausoviel bezahlen wie für ein normales, gebundenes Buch. Warum?
Noch dazu gehört es mir eigentlich gar nicht obwohl ich es gekauft habe!
Denn wenn Apple irgendwann einfällt, dass dieses Buch aus irgendeinem Grund nicht mehr auf meinem iPad zu sein hat könnten sie es einfach löschen. Fahrenheit 451 – wir kommen!
Man erkauft sich einen minimalen Vorteil beim Leseerlebnis (einhändig Lesen, Beleuchtung, Volumen- und Gewichtsersparnis, Volltextsuche) mit etlichen handfesten Nachteilen: relativ hoher Preis, eingeschränkte Nutzung, “Eigentumsverlust trotz Erwerb”, Keine Wiederverkaufsmöglichkeit, usw.
Im Endeffekt sind eBooks wenn man die Nachteile einrechnet deutlich teurer als richtige Bücher. Und Autoren bekommen deswegen trotzdem nicht mehr. Schlimmer noch: Die Umschulungsmassnahmen für all die unter Umständen mit der Zeit arbeitslos werdenden Druckerei- und Papierfabrikmitarbeiter zahlt der Steuerzahler oder die Druckereien – und nicht etwa Apple oder die Verlage.
Wenn Apple (und Amazon!) langfristig Erfolg mit eBüchern haben möchte, reicht die bisherige Strategie vermutlich noch ein paar Jahre aus. Irgendwann kommt man aber unweigerlich an den Punkt an dem der Tablet-Computer das Buch, zumindest in Teilbereichen, ersetzen soll. Und somit unweigerlich zu dem Punkt an dem der Schutz von Kulturgut höher eingestuft werden muss als persönliche Interessen eines globalen Konzerns.
Wenn sich die eBooks auf dem iPad oder einem anderen Lesegerät zu einer gleichberechtigten Alternative zur klassischen Buchform etablieren sollen muss in einigen Punkten massiv nachgebessert werden. eBooks müssen
- …deutlich günstiger werden. Im Moment machen sich die Verlage und vor allem Apple die Taschen voll obwohl die Produktionskosten deutlich geringer als für ein Buch sind. Eine Möglichkeit wäre, das eBook eines gekauften Papierbuches for free mit dazuzugeben, und dann von mir aus sogar mit den aktuellen Einschränkungen.
- …frei weitergebbar sein: Ich möchte ein eBook wie jedes andere Buch verleihen, verschenken oder verlieren können wie, wann, wo und an wen ich Lust habe. Denkbar wäre z.B. für einen Aufpreis die gedruckte Version eines Buches bestellen zu können.
- …neu verschenkt werden können: hierzu wäre eine Modifikation des iTunes Store nötig um Produktgebundene Gutscheine auszustellen und zu Akzeptieren.
- …durch Apple nicht Löschbar sein! Was ich gekauft habe gehört mir und da hat mir Apple absolut nicht vorzuschreiben was ich mit meinem Eigentum mache. Alles andere ist Dauerverleih mit Einmalzahlung!
- Zukunftssicherheit: Falls ich mal ein anderes Gerät benutzen möchte um das Buch zu lesen möchte ich es einfach dorthin kopieren oder in ein entsprechendes Format umwandeln können, dass auf dem neuen Gerät darstellbar ist.
Das bringt mich zum nächsten Punkt: Die Eigentumseingriffe der Firma Apple in meine Datenhaltung im Allgemeinen. Ich will frei auf meine Daten auf dem iPad zugreifen können, sie zippen, verschicken, verschieben, umwandeln und öffnen können wo, wie und wann immer ich das für richtig halte. Und zwar ohne Garantieverlust und zweifelhafte Jailbreaks.
Fotos, Videos, Musik und Dokumente möchte ich nicht über iTunes kompliziert aufs iPad syncen. Ich will auch nicht über Workarounds (z.B. FTP-Server, WebDAV-Shares oder Samba-Clients) meine Daten aufs iPad kopieren müssen um sie dann von der jeweiligen Filetransfer App ins iPad zu importieren. Und ich möchte sie jederzeit auf einem anderen Gerät nutzen können.
Himmel noch eins – es kann doch nicht so schwer sein einfach per USB die Daten wie auf eine normale Festplatte rauf oder runter zu kopieren und den DRM-Schutz von epubs einfach wegzulassen! Und es wäre auch keine Rocket-Science einen vernünftigen Filebrowser fürs iPad zu programmieren.
Mal abgesehen davon ist der eingebaute Bilderbrowser der letzte Schrott. Erstmal landen sämtliche bilder im Ordner “Fotos”. Echt praktisch, wenn man erstmal 1000 Bilder oder mehr auf sein iPad geladen hat und die neuesten Bilder gaaaaanz unten angezeigt werden. Happy scrolling! Sortieren – Was ist das?
Seit der letzten iOS-Version kann man die Bilder immerhin endlich in Ordner, Verzeihung: “Alben”, einsortieren. Nur leider wird in den Alben dann lediglich ein Link zum Original im “Fotos” Ordner angelegt – und die Bilder bleiben weiterhin schön unübersichtlich im Hauptordner und sind ZUSÄTZLICH im Album vorhanden. Löscht man das Bild im “Fotos”-Ordner verschwindet es auch aus dem Album. Auch die Funktion Fotos für ein Album zu selektieren ist Blöd gelöst, weil man jedes Bild einzeln antippen muss. Irgendwie ist das sehr dumm, und das wo doch Apple immer so erpicht drauf ist als intelligent und schön wahrgenommen zu werden…
Naja – und dann die Sache mit den Playlisten im Musicplayer: Keine Möglichkeit auf dem Gerät neue Playlisten selbst zu erstellen oder einfach Musik auf dem iPad zu löschen um Platz für anderes zu schaffen. Ist es wirklich so schwierig einen popeligen Playlist-Editor zu schreiben?!
Oder die bereits gekaufte Musik hierzulande (danke GEMA & Rechteinhaber!) einfach in den eigenen Cloudstore zu kopieren oder aus dem AppStore erneut herunterzuladen. Ähnliches wie für das Buchbeispiel gilt auch bei Musik: Ich habs gekauft, aber ich kann nicht damit machen was ich mit einer CD machen kann. Was soll das?
Der grösste Witz ist das Apple Camera Connection Kit. Nicht nur, dass der eingebaute Bilderbrowser keine RAWs von vielen gängigen Kameras (z.B. Leica M8, M9, Pentax DNGs verschiedener Modelle) unterstützt (Workaround: die PhotoRaw App). Nein – ich kann mit dem SD-Kartenleser des Camera Connection Kit noch nichteinmal Fotos aufs iPad kopieren, die nicht nach dem DCIM-Standard abgelegt sind. Geschweige denn Bilder zurück auf die SD-Karte schreiben, die ich auf dem iPad bearbeitet habe. Hierfür muss ich Spezialhardware (mit eigenem Akku!) und Zusatz-Apps benutzen, damit das irgendwie geht. Andere Tablets haben einen Micro-SD-Kartenleser für sowas. Auch hier hat Apple noch massiven Nachbesserungsbedarf.
Dass nicht jeder irgendwelche Anwendungen auf dem iPhone installieren kann, die nicht in den App-Store aufgenommen wurden, kann ich akzeptieren – dies sichert vor allem die Systemstabilität. Zumindest habe ich seit ich das iPhone nutze noch keine ernstzunehmenden Probleme damit gehabt wie damals mit den Windows Phones, dem Palm Pre und anderen “smarten” Geräten. Was die These der Sicherheit durch die Kontrollfunktion des AppStores durchaus zu bestätigen scheint. An einer fehlenden oder fehlerhaft implementierten Funktion dieser Art kranken zur Zeit andere mobile Betriebssysteme wie Android, WebOS und die verschiedenen Windows Phone Versionen bis inkl. 6.5.
Eigentlich ist das iPad somit ein ziemlicher Mist, weil Apple den User daran hindert die Möglichkeiten der Hardware voll auszunutzen. Andererseits sehe ich das iPad im Tablet Sektor ungefähr auf der Entwicklungsstufe von Windows 2.0 auf dem PC – nur dass die PIF-Dateien jetzt “Apps” heissen und alles etwas kleiner, flotter und schlanker geworden ist. Es ist also grade erst losgegangen mit Userinterfaces auf den Tablet-PCs und somit bleibt noch viel Spielraum nach oben.
Ich glaube, dass Apple allerspätestens dann reagieren muss, wenn ein Konkurrent ein Tablett auf den Markt bringt, dass zwar einen kontrollierten AppStore bietet, jedoch den Daten auf dem Gerät keine Beschränkungen mehr auferlegt. Microsoft könnte mit ihrem Windows Mango Nachfolger hier durchaus punkten.
Apple könnte aber auch selbst mal auf die Idee kommen, dass sie das irgendwann den Kopf kosten könnte. Noch sind die iPads das beste was es gibt. Versaut man sichs aber ersteinmal mit den Kunden ist’s in der Regel für eine ganze Weile vorbei.
Und der Guru ist nicht mehr, der solche Sachen früher mit einer Prise “Schalala” hätte richten können.
Das musste mal gesagt werden.