Das iPad – Der teuerste Roman meines Lebens

ipad

ipad

Ich habe meins jetzt seit 3 Monaten. Das iPad 2 wird in wenigen Tagen auch in Deutschland erhältlich sein. Viel hat sich nicht geändert. Ein guter Zeitpunkt also um eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Zeit auch zu Beschreiben warum ich mir kein 2er kaufen werde, was ich am iPad Konzept für stark verbesserungswürdig halte, warum das iPad der ideale Bildbetrachter sein könnte und warum es eigentlich der beste eBook Reader ist, den man aktuell für (zu viel) Geld kaufen kann.

Wie das passieren konnte?

Als ich mir aus einer Laune heraus zwischen den Feiertagen 2010 ein iPad kaufte wollte ich damit vor allem einen eBook Reader haben und bekam einen ganz ausgezeichneten Fotobetrachter und Couchbrowser dazu.

Doch gehen wir nochmal etwas zurück in der Zeitschiene: seit das iPad Anfang 2010 auf den Markt kam habe ich nach einem sinnvollen Anwendungszweck für die Flunder gesucht (einen gewissen “haben wollen”-Effekt hat das iPad ja schon…) jedoch von Niemandem, der es besass eine sinnvoll erscheinende Antwort bekommen.

“Ist einfach geil, das Teil” sagte zum Beispiel ein Kollege, der es sich direkt am ersten Verkaufstag morgens in Italien gekauft hatte.

“Weils einfach schick und totaaal praktisch ist” meinte eine Freundin, die, wenn sie zu Besuch kam zwar mit mir sprach, aber den iPad-Screen nicht aus den Augen lassen konnte. Jedenfalls in der Anfangszeit – mittlerweile hat sich das zum Glück etwas gebessert, sie zeigt mir jetzt nur noch ihre absolut hammermässigen Portraitfotos und Composings auf dem iPad.

“Oh – weil ich damit den Stadtplan zuhause lassen kann und sofort sehe wo ich bin”, meinte ein Freund und kam an dem Abend trotzdem zu spät, weil er sich mal wieder ein bischen verlaufen hatte…

“Das ist ja super! Aber was kann man denn nun sinnvolles mit dem Gerät machen – oder besser machen als mit dem Smartphone oder Notebook?” war immer meine Rückfrage. Die Antworten überzeugten mich nicht wirklich…der Tenor dahinter war stets “sinnlose Zeitverschwendung” (in meinen Augen) oder ein ganz spezieller Anwendungszweck, der aber auf meine Person leider so gar nicht zutraf.

Das Konzept des “Rentner-iPod” wollte mir nicht einleuchten. Und das obwohl ich beruflich seit 10 Jahren nichts anderes als Internet mache und auch ansonsten nicht zu den Technikfeinden gehöre.

Bis zum dem Tag an dem ich “Cobra” von Frederick Forsyth bei Hugendubel kaufen wollte und zum Spass mal wieder im iTunes Bookstore nachsah ob es den Titel dort auch gibt. Und siehe da – es gab den Titel a) wider erwarten überhaupt im Bookstore und b) an dem Tag sogar kostenlos. Ok. Buch im Laden stehen gelassen, flugs das eBook aufs iPhone runtergeladen und angefangen zu lesen…

Bücherlesen machte auf einmal wieder mehr Spass.

Warum? Keine Ahung. Vielleicht wegen dem vertrauten Monitor, auf den ich jeden Tag mehrere Stunden in der Arbeit blicke?

Leider taten mir nach zwanzig Seiten lesen die Augen weh, die Schrift ist zu klein und wenn man sie vergrösserte konnte man nicht mehr die ganze Zeile lesen sondern musste in der Zeile immer wieder herumscrollen. Kurz: Das Display des iPhone ist einfach zu klein für den Anwendungszweck. Zurück zu Hugendubel und das Buch kaufen? Ja, das wäre schon gegangen. Geld hätte ich wohl auch gespart. Aber meine Neugier auf eBook lesen war geweckt.

So fand ich mich also in einer Mittagspause zwischen den Feiertagen im Planetenmarkt wieder und schaute mir an was für Geräte verfügbar waren. Da war ein Sony eBook Reader, der Kindle von Amazon, ein Archos Tablet mit 16:10 Display und Googles Android als Betriebssystem, das fast brandneue Galaxy Tab von Samsung – ebenfalls mit Android als Betriebssystem. Und Steve’s Apfeltablett.

Marktübersicht

Mir missfällt seit Jahren, dass Herr Jobs aus Kalifornien sich erdreistet mir zu sagen wie ich meine Daten und Programme auf dem iPhone (und auch auf dem iPod, iPad und anderem iKäse) halten darf und wo ich meine Daten hinkopieren kann. Von daher sah ich mir zunächst die Androiden der Konkurrenz an, die es mir ermöglichen mit Standardschnittstellen Daten auf und von den Tablets zu kopieren und auch ansonsten jede Menge Schabernack mit den Geräten zu treiben ohne dass mir ein fauler Apfel aus Kalifornien erzählt was ich damit machen darf und was nicht.

Ausserdem gibt es, ebenso wie fürs iPad, verschiedene eBookreader-Applikationen für Android, was die Chance erhöht einen e-Buchtitel zu finden. Fast wäre ich beim Galaxy Tab gelandet, wäre da nicht das mir etwas zu kleine Display, die billige Plastikverarbeitung, der viel zu hohe Preis und der zu kleine Speicher (den man natürlich mittels Micro-SD noch aufrüsten kann, aber für 679 EUR müsste da schon etwas mehr drin sein) gewesen.

Das Archos fiel aus, weil die Hardware nicht flott genug und das Display irgendwie merkwürdig schraffiert aussah und der Formfaktor 16:10 zum Buchlesen ziemlich idiotisch ist.

Der Kindle war uninteressant

…weil er mir nicht erlaubte auf andere Bookstores zuzugreifen und das Angebot in Amazons Bookstore nicht so wirklich umfassend ist. Auch der Bildschirm kann nur in schwarz-weiss anzeigen (das wiederum aber ganz hervorragend).

Last but not least fiel der Sony Reader wegen dem fies-miesen Display durch…ja, und da blieb nur noch das iPad. Und das war mir eigentlich a) zu teuer und b) zuwider. Die neueren Honeycomb Android Geräte waren noch nicht erhältlich und Neofonie’s WeTab, obgleich schon kaufbar, noch nicht ganz fertig.

Aber da war noch dieses Buch. Und das wollte ich schliesslich lesen. Und der Verkäufer kam mir auch noch entgegen in dem er meinte, dass ich das iPad innerhalb von zwei Wochen unbeschädigt einfach wieder zurückgeben kann, falls es mir nicht gefallen sollte. “Ich glaube aber nicht, dass sie es umtauschen werden” merkte er noch an, bevor er es, um seine Provision verdienterweise zu kassieren, höchstpersönlich an der Kasse für mich hinterlegte…

Im Hinblick darauf, dass ich ein GPS für Navigationszwecke evtl. benutzen wollen könnte wählte ich also das kleinste iPad mit 16GB, WLAN und 3G. Eine Micro-SIM bekam ich beim o2-Shop um die Ecke. Die Aktivierung abends am heimischen Rechner verlief völlig stressfrei, wie ich das von Apple bisher gewohnt war: Einstöpseln, Backup vom iPhone wiederherstellen, 20 Minuten warten – fertig.

Erkenntnisse

Was nun folgte waren zwei Erkenntnisse: das iPad ist meiner Meinung nach als eBook Reader konzipiert worden und diesen Zweck erfüllt es ganz ausgezeichnet. Und dank des ausgezeichneten Displays wäre es darüberhinaus prädestiniert als digitaler Bilderrahmen benutzt zu werden oder als digitale Präsentationsmappe für fotografische Portfolios zu dienen.

Anwendungen wie Apples eigene iBooks App, die Stanza App die alle erdenklichen eBook-Quellen wie das Gutenberg-Projekt, O’Reillys eBooks, Random House Freelibrary, Sheetmusic von Mutopia und viele andere erschliesst, Amazon’s Kindle App oder die Kobo App die Zugriff auf eine Vielzahl von Buch-, Magazin- und Zeitungstiteln geben qualifizieren das iPad als eine Art universal Viewer für elektronische Druckerzeugnisse.

Jedoch so gross die Vielfalt erscheint ist sie nicht wirklich. Vor allem im Bereich Sachbücher stelle ich immer wieder erstaunlich grosse Lücken im Angebot fest. Ob Standardliteratur aus der Universität, Standardwerke wie der Reed’s Almanac oder die Gezeitentafeln des BSH, Sachbücher wie Minimalist Lighting von Kirk Tuck oder das Speedlighters Handbook waren nicht in elektronischer Form verfügbar – die Liste liesse sich beliebig fortsetzen. Da hilft nur selbst digitalisieren.

Dass der Bildschirm nicht matt ist, stört mancherorts beim lesen, jedoch ist das Display auch tagsüber meist noch gut erkennbar. Wen es stört kann sich eine matte Displayschutzfolie aufkleben. Das Hauptfeature ist allerdings, dass man den Bildschirm aus nahezu 180 Grad einsehen kann ohne das es Farbverschiebungen oder grössere Helligkeitsverluste gibt!

Das Display ist der Wahnsinn!

Die eingebaute Digitalbilderrahmenfunktion des iPad deutet darauf hin, dass die Entwickler des iPad auch diesen Anwendungszweck im Hinterkopf hatten, als sie das Gerät konzipierten.

Mit einer Grösse von 10,5″ ist das Display etwas grösser als ein klassisches 13×18 Foto, da macht das Betrachten auch sehr detailreicher Aufnahmen dank der kontrastreichen und satten Darstellung richtig Spass. Bei der Grösse wirkt die Präsentation des gleichen Bildes auf dem im Vergleich winzigen iPhone-Display einfach nur peinlich!

Mittels der EyeTV-App hat man auch bei Freunden die Möglichkeit die grade wieder verpasste Ausstrahlung von “Dinner for One” als Aufzeichnung vom heimischen Rechner flott herunterzuladen und so den gemeinsamen Sylvesterabend doch noch traditionell starten zu lassen. Wenn man EyeTV und einen h.264 Beschleuniger hätte. Tja.

Sogar Bildbearbeitungsapps wie z.B. Photoshop Express oder Filterstorm gibt es fürs iPad, sodass man auch umfangreichere Bildbearbeitungen unterwegs mit dem iPad durchführen kann und der Laptop – zumindest für kleinere Reportagegeschichten ruhig daheim bleiben kann.

Datenaustausch

Bilder bekommt man wahlweise über iTunes, das Apple Camera Connection Kit oder über den ZoomIT SD-Kartenleser auf das iPad (und mittels iTunes oder ZoomIT auch wieder herunter…).

Wobei zum Camera Connection Kit zu fragen ist, warum nur unveränderte, mit einer Kamera aufgenommene JPG-Dateien erkannt werden, nicht jedoch umbenannte oder nicht in der im DCIM-Standard festgelegten Verzeichnisstruktur gespeicherte Bilder. Da hilft auch der beigefügte USB-Adapter des Camera Connection Kits nichts, wenn nicht mal ein externer CF-Kartenleser angeschlossen werden kann, sondern nur Kameras, deren USB-Kabel man hoffentlich nicht wieder zuhause vergessen hat.

Auch ist mir völlig schleierhaft, warum ich Fotos, Filme, Dokumente, eBooks und Musiktitel, die ich auf dem iPad gespeichert habe (und die mir gehören!) nicht einfach wieder mittels Camera Connection Kit auf eine SD-Karte oder ein anderes USB-Gerät kopieren darf, obwohl das in der Vergangenheit nicht nur einmal praktisch und hilfreich gewesen wäre.

Abhilfe (zumindest für SD, SDHC, SDXC Speicherkarten) schafft der ZoomIT Adapter, der Dateien (Bilder, Videos, PDFs) sowohl auf das iPad/iPhone als auch vom iPad/iPhone wieder herunterkopieren kann, dies jedoch nur sehr langsam. Das kopieren einer vollen 4GB SD-Karte kann schonmal ein Stündchen dauern…

Auch FTP-Apps wären eine alternative, jedoch kann man mit denen die Fotos in der Regel nicht in den internen Speicher des iPad übertragen, sodass man sie in der Fotoapplikation ansehen oder in anderen Apps weiterverarbeiten kann. Auch ist die Übertragung per WLAN z.T. deutlich langsamer als per USB.

Fazit: So genial wie das iPad aufgrund seiner Hardwarevoraussetzungen als Bildbetrachter geeignet wäre, so beschissen ist die Situtation, wenn es um den Datenaustausch zwischen iPad und der Welt geht. Hier gehört gründlich nachgebessert.

Ich persönlich finde es extrem wichtig, dass ich meine Daten auch ohne Jailbreak zwischen meinem iPad und anderen Geräten ohne Probleme und ohne “Steve-ideologie” einfach mittels USB-Kabel, WLAN, Bluetooth oder 3G austauschen kann. Jeder billig MP3 Player kann das heutzutage besser…

Es könnte sein, dass mit den neuen Honeycomb Android-Geräten oder auch HPs WebOS Tablet ein paar interessante Konkurrenten den Markt betreten. Werden sie Apple zeigen wie man das Thema Daten und Software richtig behandelt?

Eins oder Zwei?

Ein eingebauter Speicherkartenleser gehört meines Erachtens ebenso in ein iPad wie die Entfernung der userbevormundenden Kopierpolicies – und wenn es nur über einen Config-Switch für Poweruser umgesetzt werden sollte, ich möchte das Gerät auch als USB-Festplatte nutzen!

Auch mehr Speicher (z.b. Optionen mit 128GB oder 256GB SSD) wäre schön gewesen, damit man die Vollständige Mediathek rüberkopieren kann und nicht nur Ausschnitte daraus. Oder Flashsupport für barrierefreies Browsen.

Nichts davon ist im iPad 2 geändert worden. Stattdessen: Firlefanz wie Facetime-Kamera, iMovie, schnellerer Prozessor (das alte iPad war doch flott genug für alles?!), Akkulaufzeit 10 Stunden (hatte das alte auch schon), knapp 100g leichter, neues Cover (ich hab schon ein schönes…).

Die wichtigste Nachricht aber war: die alten iPads werden jetzt billiger! Ich behalte jedenfalls mein Altes und nutze es, bis es auseinanderfällt oder jemand anders etwas besseres herausbringt, was ich unbedingt benötigte. Und rate jedem der sich eins kaufen möchte, das Alte zu kaufen. Ausser er will unbedingt das Neue…

Als eBook Reader derzeit das Beste

Nichtsdestotrotz ist das iPad als eBookreader derzeit das Beste, was man für Geld bekommen kann. Denn: gibt es nichts praktischeres, als ein komplettes Bücherregal, dass nur etwa 700g wiegt und bei dem man die Bücher mit einer Hand lesen kann und darüberhinaus noch die Möglichkeit hat per Volltextsuche nach Textstellen zu suchen?

Zumindest so lange, bis der Akku leer ist. Bis dahin aber auch im Dunkeln auf dem Nachhauseweg und ohne Taschenlampe im Zelt.

Schlusswort

Ich kaufe Bücher weiterhin in Papierform, digitalisiere sie für meinen privaten Gebrauch mittels Scan Tailor und meiner Digicam und lese auch dann noch weiter, wenn der Akku nach 10 Stunden mitten im spannendsten Absatz die Grätsche macht. Ausserdem habe ich so die Möglichkeit auch mal ein Buch, dass ich gut fand jemand anderem zum lesen zu geben ohne gleich mein iPad verleihen zu müssen.

Ich habe auf Reisen dennoch mehr Bücher als früher mit dabei und spare dabei auch noch Gewicht.

Und als digitaler Bilderrahmen und Couchbrowser (ohne Flash) ist das Ding wirklich nicht schlecht.

Wenn man das iPad also als eBook Reader betrachtet und ignoriert, dass man die Daten praktisch nur aus dem einen heimischen PC einfüllen kann, dann ist das eine gaaaanz Tolle Maschine, mit der man Sachen machen kann die man vorher auch schon machen konnte (lesen, Fotos gucken, Surfen), aber nebenbei etwas elektrische Energie verbrät. Grün ist das zwar nicht, aber irgendwie schick.

“Wolle iPad kaufe?”

ipad

ipad

3 thoughts on “Das iPad – Der teuerste Roman meines Lebens

  1. Pingback: Das iPad als idealer Bildbetrachter? « pawlik.viewing

  2. Pingback: Mobile Energie « pawlik.viewing

  3. Pingback: pawlik.viewing » Blog Archive » Fragen zum iPad – das hab ich nun davon.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>