Seit ich iMovie zum ersten Mal benutzt habe wollte ich eine Software haben, die genauso funktioniert wie iMovie, mir aber mehr Freiheit bei der Bearbeitung lässt. Zum Beispiel eigene Titel zu erstellen, Filter zu schreiben, mehr Einfluss auf die Timeline zu nehmen, insbesondere auch auf die Audiodaten. Auch das farbliche Anpassen von Bildmaterial aus verschiedenen Kameras war auf der Liste, Clips verkürzen oder verlängern, verlustfreies Schneiden, Splitscreen mit mehr als zwei Quellen, eigene Überblendungen basteln… – kurz: ein “iMovie Pro”
Als Ersatz für die Dinge die ich mit iMovie nicht erledigen konnte schaffte ich mir seinerzeit Final Cut Express an…und musste mich erstmal etliche Stunden ins kryptische Userinterface reinpfriemeln. Nichts war da wo ich es erwartete, das importieren von AVCHD-Files in den Apple Intermediate Codec (ProRes gabs erst in der “Pro” Version) war verlustbehaftet und lahm, kurz: nicht wirklich befriedigend. Sicherlich – es gab für alles einen Knopf, Schalter, Tastaturshortcut – aber die Richtigen zu finden frass vor allem am Anfang unendlich viel Zeit.
Für kurze Clips mit geringer Komplexität ging ich meisst doch wieder auf iMovie zurück, weil das Schneiden und der Export in andere Formate einfach flotter von der Hand ging.
So. Und dann kam Final Cut Pro X.
Und mit dem Release ein grosser Aufschrei von Produzenten, Cuttern, Studiobesitzern und Regisseuren die seit Jahren auf eine 64-bit Version von Final Cut gewartet hatten und nun alles andere als Begeistert waren, was Steve Jobs ihnen da jetzt nach langer Wartezeit vorgesetzt hatte.
Das neue Final Cut Pro X sei nichts anderes als ein “iMovie Pro” schimpften sie, denn viele für professionelle Filmleute essentiell wichtige Features waren nicht mehr vorhanden. Als Cutter muss man sich umgewöhnen um mit dem neuen Userinterface zu arbeiten. Die alten mühsam erarbeiteten Prozesse, Plugins, Presets waren grösstenteils auf einen Schlag unbrauchbar, das Zusammenspiel mit externen Anwendungen wie dem beliebten After Effects beispielsweise wurde mangels Exportmöglichkeiten komplett unterbunden. Auch das Arbeiten mit mehreren Monitoren ist nicht vorgesehen. Der Zugriff auf Netzlaufwerke ist im Prinzip nicht Nutzbar, weil eine reconnect Funktion fehlt. Hardwarebescheleunigerkarten und viele Filmformate werden grösstenteils nicht unterstützt. Abstürze und Bugs sind auch zahlreich vorhanden. Die Liste der Ärgernisse für Profis ist so lang, dass man sie dreimal um den Erdball spannen könnte. Und sie haben allesamt von ihrem Standpunkt aus betrachtet vollkommen Recht.
Das Stichwort für mich war in dem ganzen Geschrei das Wort “iMovie Pro”…Hatte Apple es wirklich wahr gemacht und mir “mein” iMovie Pro gebaut?
So kam es, dass ich mir Samstag Abend die Software aus dem AppStore runtergeladen habe, unter der Prämisse nie wieder ein Videoschnittprogramm von Apple zu kaufen, falls sich die 239 EUR diesmal nicht lohnen sollten. Installiert und gestartet.
Und dann das! Wie geil ist das denn? JA! Sie haben es tatsächlich getan! Ein iMovie Pro, simpel zu Bedienen mit genug Features und Einstellmöglichkeiten für ein anspruchsvolles Kleinprojekt, in 64-bit geschrieben und selbst auf meinem ollen MacBook 13″ mit Core2Duo und 4GB RAM noch flüssig bedienbar. AVCHD-Files liessen sich flott importieren, ebenso die h.264 Clips aus meiner Nikon D5100. Sogar die Nikon-RAW-Dateien öffnete Final Cut Pro anstandslos und zügig.
Für jemand der von iMovie kommt ist es eine 5-Minuten Lernkurve und schon gehts rund!
Ich habe “mein” Schnittprogramm für die nächsten Jahre gefunden. *Jippie!*
Einziger Wermutstropfen bisher: Der Export über den Compressor 4 ist furzlahm. Sorry für den Ausdruck, aber ein in 1080p25 / h.264 / MOV aufgezeichnetes 5-Minuten-Testfilmchen ohne Schnitte nur mit Titel und Abspann versehen braucht 6 Stunden über den Kompressor um auf iPad-720p-h.264-MOV runtergerechnet zu werden?! Der olle Compressor scheint immer noch 32-bittig zu arbeiten.
Mit etwas rumprobieren war der schnellste Weg fürs Transcoden, den Film komplett aus Final Cut Pro X ohne Compressor in Originalgrösse als Quicktime Movie zu speichern und diesen Film anschliessend mit dem Compressor zu transcoden. So gings dann in etwa 35 Minuten. Vielleicht gibts dafür aber auch noch bessere/schnellere Software, die das Rendern beschleunigt? Aber vielleicht geht das exportieren auch auf einer flotteren Kiste mit geeigneterer Grafikkarte etwas schneller.
Erstmal bin ich Happy. Genau das richtige für meine Hobbyfilmgeschichten.
Ich hoffe für die Profis jedoch sehr, dass Apple eine Final Cut Pro Studio XXL rausbringt, damit diese auch zufriedengestellt werden – denn andernfalls wird Apple das Profisegment wohl komplett verlieren…
Die Jungs der Produktionsfirma von Conan O’Brien sind jedenfalls ziemlich begeistert…