Nach dem High-ISO-Artikel von Gestern nun noch ein paar Worte zur Nikon D800 und den Unterschieden zur D700.
Anfangen werde ich mit einer kleinen stichpunktartigen Liste über positives, negatives und neutrales, im Anschluss daran gibt’s dann noch ein subjektives Fazit unter berücksichtigung der Randbedingungen die ein Upgrade auf die D800 mit sich bringen würde.
Was hat mir gut gefallen?
- AF/MF Umschalter mit Funktionstaste: Hätte gedacht, dass es dadurch schlechter wird, aber das Handling wurde tatsächlich verbessert!
- Auto-ISO Aktivierung/Deaktivierung über ISO-Taste + vorderes und hinteres Einstellrad: Na endlich! Super! Eins der Killerfeatures der D800!
- Auto-ISO Einstellmöglichkeit erweitert um den Punkt “Auto” als Belichtungszeitparameter in der Auto-ISO Konfiguration: Nett, aber doof. Es berücksichtigt zwar die Brennweite bei der Zeitwahl, nicht jedoch ob der VR (falls vorhanden) aktiv ist…
- USB 3.0 Anschluss! Wann kommt nochmal der Thunderbolt auf USB 3.0 Konverter? Für mich als Mac User leider nutzlos.
- High-ISO-Fähigkeiten: WOW! Siehe Artikel von Gestern…
- Auflösung des Sensors: WOW! Siehe Bildbeispiele von dpreview.com und andere…
- Quiet Mode und Auslösegeräusch: Nicht wirklich “Quiet”, aber etwas leiser wurde das Geräusch im Gegensatz zur D700 schon. Vor allem die hellen, krachigen Frequenzen wurden weggedämpft.
- Videofähigkeiten: Follvormaaat! Ansonsten nur auf Augenhöhe mit dem Rest der Welt ausser Sony.
- Etwas Handlicher: Design wirkt etwas gefälliger, runder. Fasst sich leichter an und ist tatsächlich auch nicht mehr so Breit.
- Zwei Kartenslots für je eine SD- und CF-Karte: nicht dass ich dieses Feature bisher vermisst hätte, aber nett, dass es da ist…
- Der Liveview-Umschalter ist vom Rad links oben + Auslöser drücken als Taste inkl. Wahlhebel zwischen Foto- und Videomodus auf die Rückseite der Kamera gewandert, ungefährt dorthin wo früher der AF-Messfeldwählschalter war. Gute Idee!
Was blieb gleich:
- Sucherbildfeldabdeckung ist jetzt zwar 100%, aber kein nennenswerter Unterschied zur D700 erkennbar, wenn man nicht beide Sucher nebeneinander sieht. Immer noch Top.
- Blitz mit Remotesteuerungsfähigkeiten
- Drei Displays: im Sucher, auf der Kameraoberseite und Hinten
- Grundsolide wirkende Verarbeitung
- Durchdachte Technik
- Alle wichtigen Funktionen über Bedienelemente erreichbar.
- AF-Felder weiterhin über die Wippe auswählbar.
- 100% Vergrösserung in der Bildwiedergabe durch Druck auf die Mitteltaste der Multifunktionswippe weiter möglich, durch drehen der Räder kann der gleiche Bildausschnitt in einem weiteren Bild angezeigt werden. Ob zum Rauszoomen nur die Zoomtasten verwendet werden können oder ob man diese Funktion auch aufs hintere Wählrad legen kann hab ich nicht ausprobiert.
Was wurde verschlimmbessert?
- Mode-Schalter schlecht erreichbar, vermutlich um versehentliches Berühren beim Start der Videoaufnahme zu vermeiden. Ich hätte das wohl eher andersherum gelöst…Also Videostartknopf und Mode-Schalter vertauscht.
- Neue Akkus, Neuer Batteriegriff. Das Akkuupdate hat wohl mit einem neuen Gesetz in Japan zu tun, das besagt, dass Akkus keine freiliegenden Kontakte mehr haben dürfen. Aber rund 380 EUR für den Batteriegriff sind eine Sauerei.
- Anzahl der Bilder pro Sekunde ist gesunken. Praxistauglich sind 4 fps immer noch und logisch ist es auch, bei den zu verarbeitenden Datenmengen, aber trotzdem Schade. Mit etwas Intelligenz hätte man es sicher hinbekommen im JPEG-S-FINE (12MP) Modus höhere Geschwindigkeiten zu erreichen, wenn man denn gewollt hätte. Wobei das natürlich auch die Spiegelmechanik und der Verschluss mitmachen müssen.
Was fehlt?
- Klappdisplay
- Möglichkeit 12/18/24MP RAWs speichern zu können
- Eingebaue Videoleuchte.
Langfazit:
Die D800 macht alles besser, was bei der D700 kritisiert wurde und kann jetzt auch Video. Genau so hätte die D700 seinerzeit aussehen sollen. Vielleicht mit 12MP oder 24MP statt 36MP, aber ansonsten? Tolle Sache.
Mir gehts da aber ein bischen so wie mit dem neuen iPad: Wer ein iPad 2 besitzt, der wird sich vermutlich kein neues iPad kaufen wollen. Die Unterschiede sind zu gering und ein paar Nachteile gibts auch. Wer hingegen ein iPad 1 besitzt, für den könnte der Umstieg aufs 3er iPad schon interessanter sein.
Übertragen auf die Nikon-Welt soll das heissen: Wer eine D700 wie ich hat wird sich eine D800-Anschaffung sicherlich zwei Mal überlegen. Nicht zuletzt, weil mein eigentlich gar nicht so langsamer Rechner (i7, 16GB RAM, flotte Grafikkarte und Platte) bei den 45 Megabyte RAWs ganz schön was zu tun bekommt. Mit den 24MP RAWs der Nex-7 merkt man die nötige Rechenleistung noch nicht.
Mir ist der Aufpreis auf die D800 einfach ein bisschen zu hoch für das was sie mir effektiv an Vorteilen bietet. Zumal sie in Sachen Video noch nicht so ganz an eine Nex-7 herankommt. Vor allem AVCHD Progressive oder ein besseres Format, Filmtaugliche AF-Nachführung und eine videogeeignete Bildstabilisierung in der Kamera oder den Objektiven fehlen der D800 noch. Auch die Belichtungssteuerung ist nicht filmtauglich – sobald sich die Belichtungssituation leicht ändert regelt die D800 hart nach statt weich und mit einer gewissen Latenz die Belichtung anzupassen.
Sicherlich, man kann argumentieren: Ordentliche Filmszenen dreht man eh besser vom Stativ und richtige Kameramänner stellen manuell scharf und auch die Belichtungssteuerung sollte manuell vorgenommen werden. Bleibt immer noch das Containerformat. Und dann gibts immer wieder diese kleinen Gelegenheiten, wo man einfach aus der Hand schnell eine kleine, unverwackelte, nichtflackernde Aufnahme zwischendurch machen möchte…Von Veranstaltungsmitschnitten über mehrere Stunden hinweg sind wir in der DSLR und EVIL Welt ja leider ebenfalls noch meilenweit entfernt.
Zur Kostenseite kommt hinzu, dass ich von Lightroom 3 auf Version 4 updaten (70 EUR) und Batteriegriff und Akkus (3 Zusatzakkus: 150 EUR, Batteriegriff satte 380 EUR) neu kaufen muss.
Evtl. deutlich früher als erwartet müssen auch ein oder zwei neue Backup-RAIDs mit 4-6 TB Platz für je 500-700 EUR eingeplant werden. Thunderbolt oder Firewire 800 sollte es schon sein, damit die Datenübertragung flott genug geht bei den Datenmengen. Und das alles zusätzlich zu den knapp 3000 EUR, die die Kamera nackt kostet. Das geht ganz schön ins Geld. Geld für Features und Verbesserungen die es mir im Moment einfach noch nicht Wert sind.
Für die gleichen Euros (grob überschlagen: 4500 EUR inkl. Nebenkosten, ohne neuen Computer) könnte man sich auch ein paar nette, exklusive Festbrennweiten aus aktueller Produktion kaufen, die dann auch in 2 Jahren noch fast genau so viel auf dem Gebrauchtmarkt erzielen werden wie heute. Im Gegensatz zur D800, die in zwei, drei Jahren, wenn dann auch die nötige Rechenleistung zur flutschigen Bildbearbeitung flächendeckend und billig als Notebook verfügbar sein wird, vom Nachfolger abgelöst werden wird und gebraucht allenfalls noch die Hälfte kostet.
Kurzfazit:
Die D800 ergibt wirtschaftlich und logisch überhaupt keinen Sinn, wenn man bereits eine D700 hat. Was aber den ein oder anderen sicher nicht davon abhalten wird sie trotzdem zu kaufen. Sie ist momentan schon das heisseste Eisen am Markt. Neben der Supersexy Leica M9-p und der Pentax 645D.


