Die Kamera, oder besser gesagt: die Kameras, die Nikon vorhin vorgestellt hat, namentlich die D800 und die D800E sind evolutionär, aber nicht revolutionär. Revolutionär ist hier nur der Preis und die Megapixelzahl. Doch von vorn:
Der AF ist identisch mit dem der D700, er funktioniert nach Aussagen von Nikon allerdings nun bis runter auf -2EV (statt früher -1EV). Auch der interne Blitz ist geblieben und kann weiterhin als Master oder Controller für die Remote-Steuerung von CLS fähigen Blitzgeräten verwendet werden. Auch die gewohnte Blitzsynchronbuchse, das AF-Hilfslicht und der Zubehöranschluss sind geblieben.
Neu hinzugekommen sind hingegen Quiet Mode und Video (h.264/MPEG-4 im MOV-Container). Wie hoch die Bitrate sein wird und ob kontinuierliche Aufnahmen, die die maximale Dateigrösse übersteigen, möglich sein werden ist noch nicht klar. Und leider ist im Gehäuse nur ein Mono-Mikro verbaut, jedoch kann man über den Mic-Anschluss ein externes Stereomikro anschliessen. Auch ein zweiter Kartenslot für SD-Karten ist neu hinzugekommen. Der Belichtungsmesser ist jetzt der mit 91000 Pixeln statt dem alten mit 1005 Pixeln für eine noch genauere Belichtungsmessung.
Wie gut die Kartenfachklappe hält wird sich zeigen, sie sieht der alten, manchmal selbstöffnenden jedoch sehr ähnlich. Wo wir grade beim Gehäuse sind: Auch hier ist die D800 ein bischen besser geworden: Minimal kleiner, knapp 100g leichter. Der Sucher hat jetzt eine 100% Bildfeldabdeckung (statt 95% bei der D700). Beim Verschluss wirbt Nikon jetzt mit 200.000 Auslösungen statt mit 150.000 wie bei der D700.
Neben vielen kleinen und grossen Verbesserungen gab es auch ein paar kleine Verschlechterungen: Der AF/MF Umschalter ist jetzt nicht mehr der aus der D700 gewohnte mit drei Einstellungen (AF-S/AF-C/MF) sondern der einfachere, aus den kleineren Nikons gewohnte mit zwei Positionen (AF/MF). Das könnte ein Handlingnachteil werden. Auch die gewohnten EN-EL3e Akkus aus der D700 können nicht weiterverwendet werden, stattdessen muss man die aus der D7000 bekannten EN-EL15 Akkus kaufen, die jedoch statt wie in der D7000 für 1000 Bilder in der D800 “nur” für 850 Bilder gut sind. Ausserdem berägt die Serienbildgeschwindigkeit jetzt nur noch 4fps (FX) bzw. 5fps (DX) und 6fps im DX Modus mit Batteriegriff.
Die dickste Nachricht ist aber vermutlich die, dass ein 36 Megapixel Sensor in den Kameras werkelt. Die D800 und die D800E unterscheidet dabei lediglich, dass die D800E keinen AA-Filter (“Weichzeichnerfilter”) vor dem Sensor hat und stattdessen eine Moirékorrektur in der Software besitzt (lässt sich auch abschalten). Wie gut dieser Sensor im High-ISO Bereich ist muss sich noch zeigen. Wenn er auf den Niveau des Nex-7 Sensors ist sollte das aber kein Thema sein. Leider sind bisher noch keine High-ISO-Beispiele im Netz aufgetaucht.
Der Unterschied zwischen D800 und D800E JPEGs (Fine) sind ca. 10 MB. Also statt ungefähr 20MB rund 30MB. Was das für eure Bildbearbeitungshardware bedeutet ist klar, oder? Ab in den nächsten Applestore rennen und ne noch dickere Kiste anschaffen.
Als wären die 2900 EUR (D800) bzw. 3300 EUR (D800E) für die Cam noch nicht genug. Rechnet nochmal die gleiche Summe für neue Hardware und Backupmedien ein, falls ihr nicht schon über einen Rechner mit 16GB RAM und min. einem 2,7 GHz i7 Quadcore und mindestens 2 TB Festplatte verfügt…
Achja – und falls das ein odere andere Altobjektiv weiche Bilder an der neuen Kamera macht solltet ihr auch dafür noch ein bisschen Geld bereithalten um sie ggf. gegen eine neue Version auszutauschen. Nicht jedes Objektiv kommt mit den 36 MP klar…
Kurz: Nikon hat seinen Kunden mal wieder sehr gut zugehört und vieles ein bisschen besser gemacht, ein paar Sachen sogar deutlich besser – und leider auch ein paar Dinge etwas schlechter (AF-Umschalter…) oder gar nicht (Schwenk/Klappdisplay…).
Was mir auch noch nicht so ganz einleuchtet ist, warum Nikon nicht nur die D800E (also die Variante ohne AA-Filter) auf den Markt geworfen hat und wozu Nikon rund 300 EUR mehr für ein nichteingebautes Bauteil haben möchte. Aber vielleicht klären sich diese und andere Fragen auch noch irgendwann auf.
Im Prinzip ist die D800E die D700 die ich seinerzeit gerne gekauft hätte – also mit Quiet Mode, 100% Sucher und Video. Aber für 3k Euros und kein Klappdisplay? Ich denke so werden wir keine Freunde. Auch wenn die Auflösung und Bildqualität schon echt super ist.
Interessant dürften die D800er Sisters vermutlich für Leute sein, die viel Auflösung brauchen aber die hohen Investitionen für eine H3D-31 oder eine Pentax 645D scheuen oder die gleiche Auflösung in einem kompakteren und leichter transportierbaren Kameragehäuse haben wollen. Und gemessen am Preis einer 645D ist eine D800E auch gar nicht mehr so teuer…
Aber vielleicht bringt Nikon ja noch irgendwann eine D800s für 1800 EUR mit 16MP Sensor raus. Mal sehen. Bis dahin mach ich erstmal mit der D700 und der Nex-7 weiter. Ich könnte natürlich auch Nex und D700 verkaufen und mir vom Erlös eine D800E anschaffen, aber blöderweise kann eine D800 eine Nex auf Wanderungen nicht ersetzen.